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Sexualität und Erotische Utopie

Dass wir in einer sittenlosen Epoche leben, pfeifen die Spatzen von allen Dächern, und dass man mit veralteten Moralbegriffen endlich aufräumen müsse, unken schon seit geraumer Zeit philosophische und pseudophilo­sophische Geister. Was bei den ein Ärgernis, nämlich das Auseinander­fallen zwischen der offiziell anerkannten und geforderten Sittlichkeit und der gelebten Sitte, verliert sich jedoch bei genauerer Untersuchung im Dunkel der Geschichte. Wo immer Tabus bestanden - und sie bestanden stets in der einen oder anderen Form im Zusammenhang mit sozialer und kultureller Ordnung -, bestand auch der Wunsch, sie zu brechen. Die sogenannte gute alte Zeit, die nie weiter zurückreicht als die Generation der Großeltern, beschwört man in schrecklicher Vereinfachung als Hin­tergrund, vor dem dann moralische oder antimoralische Monologe gehal­ten werden. Stets aber gab es auch in der Vergangenheit nur Ansätze, das Leben im Ausgleich zwischen moralischem Imperativ und dessen mög­licher Verwirklichung lebbar zu machen, und das Auseinanderbrechen in die Aporie jenes Lebendigen, das nicht allein naiv seinen Trieben folgt, sondern sich für Höheres geschaffen meint.

Seit Nietzsche wurde es bei sogenannten Freigeistern üblich, das Christen­tum allein für den Verlust eines fröhlichen Geschlechtslebens verantwort­lich zu machen; sie bedachten dabei nicht, dass die Epoche, aus der der

Umwerter aller Werte seine Argumente bezog, ja gar keine christliche mehr war, sondern deren äffische Spätgeburt, weil der Begriff der Sünde längst seine theologische Substanz verloren hatte, nämlich die Bindung an den persönlichen Gott, an den man nicht mehr glaubte, den man nur noch konservierte in der säkularisierten und’ entleerten Form diktatorischer Regel. Ihren totalitären Anspruch entfalten Tabus erst dort, wo sie sich ihres Sinns begeben haben. Um die Jahrhundertwende musste die Antike entweder als Tempel erscheinen, wo sich die Satyrn und Nymphen gesellig paarten, oder als orphisches Mysterium geschlechtlicher Numinosität. Nietzsches Sicht der christlichen Welt ist ebenso unrichtig wie die spätchristliche Sicht der Antike.

So grundverschieden die Ausformungen des Griechisch-Römischen und des Jüdisch-Christlichen auch sein mögen, so heterogen waren beide nicht. Sie wuchsen auf einem geographisch viel zu engen Raum, als dass sie sich nicht in bestimmten mythischen Figuren hätten treffen müssen. Wohl kennt der Grieche nicht den Begriff der Sünde. Aber eine Welt, zu deren größten Tragödien die Geschichte eines Inzests gehört, die.die Jungfräulichkeit einer Göttin als besondere Qualität ansah, die in ihrer späten Philosophie den Sinn der Liebe in der Überwindung des Geschlechtlichen predigte, stand dem Sexuellen keineswegs problemlos gegenüber. Andererseits ist es falsch, von einer grundsätzlichen Geschlechtsfeindlichkeit der Juden zu sprechen. Das hieße den Bericht über Lot und seine Töchter missverstehen. Qnan ist unsittlich, nicht Lot. Erosfeindschaft ist es, aber dieses Wort ist schon deshalb unsinnig, weil es etwas als einander fremd deklariert, das sich naturgemäß nur fremd sein kann. Jude und Grieche gingen verschiedene Wege, um eine Antwort auf die Frage nach dem Recht des Geschlechtlichen zu finden. Die Juden postulierten den Zusam­menhang mit der Zeugung und konzentrierten damit den Gesamtkomplex auf das eheliche Verhältnis. Die Griechen kultivierten, postulierten den Zusammenhang mit dem Intellekt und versuchten zu sublimieren. Beide aber trafen sich in der Vorstellung einer außergeschichtlichen Zeit, die sexuelle Probleme noch nicht kannte, in der ruckgewandten erotischen Utopie vom Paradies oder Goldenen Zeitalter.

Die erotische Utopie lebte in der christlichen Ära weiter. Eine häretische Sekte wie die der Adamiten verband die Idee vom Himmel auf Erden mit der Rückgewinnung der Unschuld Adams vor dem Sündenfall. Sie hofften, die adamitische Liebe durch bestimmte sexuelle Praktiken erreichen zu können. Der Gedanke pflanzte sich fort bis ins 14. und 15. Jahrhundert. Die Taboriten lehrten einen allgemeinen Liebeskommunismus, und die Brüder des freien Geistes verkündeten im Anschluss an die Lehre des Joachim von Fiore von den drei Zeitaltern, jene des Heiligen Geistes führe den neuen Menschen, den neuen Adam herauf, dem nichts mehr Sünde sei. Sie hielten Nacktgottesdienste, und der sexuelle Akt wurde als höchste Vereinigung in den Kult aufgenommen. Der Garten der Lüste des Hieronymus Bosch gilt als Darstellung des Tausendjährigen Reichs der Sekte.

Säkularisiert taucht der Gedanke der erotischen Utopie bei den Frühsozialisten und später bei den Anarchisten auf. Charles Fourier fordert, es müsse möglich gemacht werden, die menschlichen Leidenschaften allgemein und legitim zu befriedigen. Die freie Liebe wird als soziales Moment Voraussetzung einer humanen Gesellschaft. Unterschwellig mögen solche Vorstellungen den Bürger des vorigen Jahrhunderts mehr geschreckt haben als alle Projekte der Aufhebung privaten Eigentums. Doch nicht nur in diesen politischen und religiösen Entwürfen findet sich die erotische Utopie, sondern auch als wesentlich individuelle Ausprägung. Seit Rimbaudsil faut reinventer l’amour hat der Gedanke besonders in Frankreich immer wieder einzelne erregt. Auch die Surrealisten treten in diesem Zusammenhang nicht als geschlossene Gruppe in Erscheinung, da bei ihnen die Utopie wohl in der privaten Sphäre wirksam, aber nie gesellschaftlich relevant geworden ist.

Lo Duca steht mit seinen zahlreichen Schriften und dem vorliegenden Sexologia-Lexikon in dieser Tradition. Das Buch hat die Form eines Dictionnaires; während verschiedene große Übersichten es stärker einer Enzyklopädie annähern, ist es jedoch keineswegs ein rein informativer Katalog. Trotz der vielen Mitarbeiter ist das Werk durchaus persönlicher Art und hat Bekenntnischarakter. Es geht Lo Duca nicht allein um ein sachliches Inventar, sondern um eine sich deutlich dokumentierende moralische Absicht. Er betont diese Tatsache auch ausdrücklich in seinem Vorwort. Darin unterscheidet sich diese Enzyklopädie durchaus von ande­ren ähnlichen Versuchen. Das wird allein schon sichtbar durch den Umfang einzelner Artikel. Wilhelm Reich oder Alfred C. Kinsey, Wissen­schaftlern, auf die sich die Anschauung des Herausgebers beruft, wird entsprechend großer Raum gewährt. Die Artikel sollen nicht nur sachliches Wissen vermitteln, sondern dienen als Beweismaterial.

Lo Duca entwirft in Bild und Gegenbild eine erotische Utopie. Er verbindet im Grunde noch die gleichen Vorstellungen mit dem Ideal, die schon in der mittelalterlichen religiösen Spekulation zum Ausdruck kamen: die Sehnsucht nach einer prosexuellen Gesellschaftsform, die Erlösung des Geschlechts aus der Zwangsjacke der Tabus, die Nichtanwendbarkeit moralischer Verdikte auf dem Gebiet der Triebe, vorausgesetzt, dass man ihren Mechanismus begriffen hat. Der Mythos kehrt zurück in wissenschaftlichem Gewand. Die Argumentation ist psychologistisch, die statistischen Aufzeichnungen Kinseys dienen als Rechtfertigung. Lo Duca überlässt klugerweise zwei der grundsätzlichen Artikel Fachleuten: die, Psychologie der Sexualität (Sexcam mit einem recht ausführlichen bibliographischen Anhang) Albert Ellis und die Doktrin der Rechtmäßigkeit und Freiheit sexueller Akte Rene Guyon.

Moral wird dabei verstanden als statistischer Konformismus. Verkannt wird das Verhältnis zwischen Moral und Psychologie. Sicherlich muss es zu denken geben, dass heute eine so große Diskrepanz besteht zwischen noch gelehrter und schon gelebter Sitte, und sicherlich kommt auf der Suche nach einem neuen Weg der Wissenschaft ein wesentlicher Teil zu. Aber die geeignete Disziplin dürfte viel mehr eine philosophische Anthropologie sein als das bloße Hilfsmittel demoskopischer Statistik. Diese kann nie konstitutive Bedeutung gewinnen.

Das Ergebnis aber lautet: die erotische Utopie ist praktisch unbrauchbar wie jede andere zuvor, weil sie alle unhistorisch sind durch ihre Idealität. Die Geschichte widersteht dem Versuch der Umkehrung, den Traum des Goldenen Zeitalters in die Zukunft zu projizieren. Die gesellschaftlichen und moralischen Verhältnisse sind durch geschichtliche Entscheidungen mitgeschaffen, die sich nicht verleugnen lassen. Das Inzestverbot hat sich als Tabu installiert, und die Monogamie kann zwar durch die Möglichkeit der Scheidung aufgeweicht werden, aber die Rückkehr zur Polygamie wird unmöglich bleiben. Die Frage lautet: Wann führt die Aufklärung, die allein die Chance hat, zu einer neuen Sittlichkeit, wann sondert sie die überholten Tabus von den Institutionen und moralischen Kategorien, die wesensmäßig zum Bild vom Menschen gehören? Walter Benjamins Satz, der sich auf die industrielle Technik bezog: dass es nicht darauf ankomme, die Natur zu beherrschen, sondern das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, gilt auch da, wo von der Natur des Menschen selbst die Rede ist.

Der Wert der Enzyklopädie Lo Ducas liegt also nicht allein in der Fülle ihrer Informationen; Lo Duca tritt auch für Grundsätze und Lehrmeinungen innerhalb der Diskussion ein, die noch lange nicht abgeschlossen ist, die in Frankreich und den Vereinigten Staaten vorangetrieben und in Deutschland noch weit davon entfernt ist, von der Öffentlichkeit in gebührender Weise beachtet zu werden. Denn vergessen sollte man nie, dass Kenntnis allein Voraussetzung der Erkenntnis ist.

mh

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